Archiv für September, 2009

Wie der Erzengel zum Spießer wurde

Posted in Historie on September 26, 2009 by Bruder Sven

Am 29. September ist Michaelstag

Michaelstag – was ist denn das? Wer aus einer katholischen Gegend kommt, tut sich mit der Antwort leicht. Dort ist es in christlich orientierten Häusern immer noch Brauch, einander zum Namenstag – also zum Kalendertag des Heiligen, dessen Namen man zur Taufe erhalten hat – zu gratulieren, besonders dann, wenn es sich um einen bedeutenden Namenspatron handelt.

Auf protestantischer Seite ist der Michael natürlich ebenso bekannt, auch wenn es diesen Brauch nicht gibt und er auch nicht als Schutzengel zu sehen ist. Auf jeden Fall wird der Michaelistag – wie er hier heißt – in vielen evangelischen Gotteshäusern, die seinen Namen tragen, gefeiert.

Recht eindrucksvoll wird der Tag heute noch in Augsburg begangen. Da versammeln sich die Kinder auf dem Rathausplatz und starren erwartungsvoll auf den Perlachturm. Dort erscheint zu jeder vollen Stunde aus einem blumengeschmückten Fenster das «Turamichele», welches zu jedem Glockenschlag auf einen zu seinen Füßen liegenden Drachen einsticht, wobei die Kinder lauthals mitzählen. Der Erzengel bekämpft den Höllendrachen, den Satan, so wie es im Neuen Testament, Offenbarung 12, 7 – 10 steht.

Mit Schwert und Seelenwaage

Da er auch als Engel der Gerechtigkeit und des Gerichts gilt, erschien er in bildlichen Darstellungen bis ins hohe Mittelalter hinein hauptsächlich im langen weißen Gewand mit Schwert und Seelenwaage. Das Abwägen der guten und der schlechten Taten nach dem Tode hat eine Tradition, die 5000 Jahre alt ist. Es kommt bereits im Totenbuch der antiken Ägypter vor.

In der Zeit der Gegenreformation liebte man Darstellungen des Erzengels in kämpferischer Art: Er war mit Lanze, Helm und Harnisch ausgestattet. Im evangelischen Kirchenraum ist er seltener zu sehen und dann eher in Illustrationen zur Apokalypse, gedeutet als Sieg Christi über Tod und Teufel.

Als Heerführer der Engel im Kampf mit dem Satan wehrt er das Böse ab, sorgt für die Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden, beschützt die Kirche, die christlichen Heere und das Volk. In der Schlacht auf dem Lechfeld 955 gegen die heidnischen Ungarn und auf den Kreuzzügen soll den Kriegern die Reichsfahne mit seinem Bilde vorangetragen worden sein. Er galt als Gottes starke Hand und Schutzheiliger der Ritter. Vorher hatten ihn schon die Germanen, die sich durch ihn an ihren ehemaligen Gott Wotan erinnert fühlten, zu ihrem Beschützer auserkoren.

In alten Kalendern stand am 29. September oft noch «St. Michael, Engel der Deutschen». Dass er der Deutschen Schutzpatron wurde, mag mancherlei Ursachen haben, sicher auch diese, dass das Heilige Römische Reich Deutscher Nation in die Tradition Roms eintrat und Michael Schutzpatron der Stadt Rom war. So wurde der Name immer beliebter.

Es ist jedoch ein Irrtum, ihn mit dem altdeutschen Wort «michel» für «groß» in Zusammenhang zu bringen, was oft versucht wurde. Hier besteht nur eine gewisse Klangähnlichkeit. Michael kommt aus dem Hebräischen und heißt «Wer ist wie Gott?». Und die Kurzform Michel ist hiervon abzuleiten.

So hat also auch die National- und Spottfigur «Deutscher Michel» mit dem Erzengel zu tun, auch wenn er sonst eher das Gegenteil des strahlenden Himmelskämpfers ist. Woher die Bezeichnung kommt, ist unklar. Ein früher Beleg über den Gebrauch des Namens stammt aus dem Jahr 1541. Da wird er in einer Sprichwörtersammlung als Beispiel für einen groben und einfältigen Menschen genannt. 1546 heißt es dann in einem Spottgedicht: «Den deutschen Michel man uns nennt – ist wahr, können nit viel Latein, denn Fressen, Saufen, Buben sein.»

Was hier zum Ausdruck kommt, ist die abschätzige Haltung des mit Latein und Griechisch Gebildeten gegenüber dem Mann aus dem Volk – vielleicht wurde er «Michel» genannt. So ist es nicht verwunderlich, dass er in einem Buch aus dem Jahr 1691 mit dem Titel «Teutscher Sprachschatz» als «idiota, indoctus» eingestuft wurde.

Im Laufe der Zeit erweiterte sich die Bedeutung und man sah in ihm den einfältigen und tollpatschigen, aber auch den gutmütig-verträumten Deutschen schlechthin. Zur politischen Witzfigur wurde der Michel, als Mitte des 19. Jahrhunderts die Bildzensur aufgehoben wurde und Karikaturen möglich waren. Heinrich Heine hatte sich schon über den «gesunden Riesenschlaf» des «Symbolkerls» mokiert. In den Zeitschriften erschien er mit seiner Zipfelmütze als biedermeierlicher Spießer, der sich von der Obrigkeit alles gefallen lässt und nur seine Ruhe haben will. Man wollte zur Zeit der Paulskirche, dass er politisch aktiv würde.

In der Wilhelminischen Epoche wurde er gern für nationale Interessen benutzt und oft mit der französischen Marianne und dem britischen John Bull verglichen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sah man ihn zunächst als verhärmten, notleidenden Gesellen, dann aber als selbstzufriedenes Kind des Wirtschaftswunders.

Immer noch taucht er in Karikaturen auf, meist als armer Kerl, dem man tief in die Taschen greift («Zahlmeister»). Aber allzu oft bedient man sich seiner nicht mehr. Mit dem nachlassenden Nationalgefühl in Deutschland verschwindet auch der «negative Nationalheld».

Hans Feist

Quelle: NZ Nürnberger Zeitung vom 26.09.2009